Alex über das Ziel seiner Firma: gute Arbeitsplätze

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Wie ermöglicht man „gute“ Arbeitsplätze? Alex Holtappels über “seine” Vision für SABIO und die Stolpersteine auf dem Weg zur Verwirklichung.

Alex, was bedeutet arbeiten für dich?

Ich möchte Spaß haben, wenn ich arbeite. Ich möchte Sachen machen, die ich gerne mache. Das heißt auch, dass ich mit Menschen zusammen sein will, die ich gerne mag. Mir ist wichtig, Neues zu schaffen und zu gestalten. Aber mir ist auch klar, dass die Arbeitszeit nicht immer geil und schön ist. Arbeit bleibt manchmal auch einfach Arbeit und auch da muss man dann durch.

Was glaubst du, wie viele Menschen in Deutschland tatsächlich Spaß an ihrer Arbeit haben?

Ich glaube, dass die meisten Menschen irgendwann an ihrer Arbeit mal Spaß haben. Sicher hat keiner immer Spaß und hoffentlich hat niemand nie Spaß. Aber wenn man fragen würde, wie viele Leute während mehr als 50% der Arbeitszeit Spaß haben, dann sind das vermutlich sehr wenige.

Was haben die falsch gemacht?

Ich glaube, die haben nie rausgefunden, was ihnen wirklich diesen Spaß bereitet, von dem ich oben gesprochen habe.

Das klingt mir zu einfach – als ob das so einfach wäre. Ich glaube, es ist verdammt schwierig, den Spaßfaktor im Job zu finden. Ich frage mich nur, warum das eigentlich so schwierig ist?

Ich glaube, wenn du aus der Schule kommst, näherst du dich mit kompletter Ahnungslosigkeit dem Arbeitsmarkt. Du bist dann zwar aus der Pubertät raus und happy, dass du mal eben rausgefunden hast, wer du selber bist. Aber wer die Welt ist und was sie an Möglichkeiten zu bieten hat, das kannst du maximal im Promille-Bereich erahnen. Man weiß außerdem noch nicht, was man besonders gut kann. Und so greifen Viele auf Dinge zurück, die sie schon kennen – von den Eltern, von Freunden. Ich glaube man hat großes Glück, wenn man eine solche Berufsentscheidung über ein Hobby trifft. Nur manche trauen sich dann nicht, zweifeln an, dass man gerade mit diesen Fähigkeiten Geld verdienen kann oder man nicht gut genug ist und ausreichend Anerkennung findet. Und dann kommt noch hinzu, dass die Eltern sagen "Kind, mach was Ordentliches". Und so schliddert man in etwas rein, was zwar womöglich grundsolide ist, aber einem gar nicht gefällt.

Was wolltest du nach der Schule werden?

In meinem Abi-Buch stand Chef.

Yeay, klingt hochgradig sympathisch.

Ich wusste kein Stück, was ich tun wollte. Ich wusste nur, wie. Und ich wollte auf keinen Fall einen vor mir haben, der mir sagt, was ich zu tun habe. Und da blieb meiner Meinung nach nur Chef werden.

Jetzt bist du Chef. Wenn man dich jetzt heute fragt, was du denn beruflich machst, was sagst du dann?

Ich sage, ich arbeite in einer Softwarebude. Wobei, manchmal sage ich auch "Ich habe eine Softwarebude" - das beinhaltet dann den Chefteil. Im Gegenteil zu früher weiß ich heute, was ich tue. Ich verdiene mit Software Geld. Das ist meine Arbeit. Wer ich bin, ist für mich nebensächlich. Ja, als Chef ist es mir wichtig, hier eine Identität und DNA zu stiften – dem Laden einen Fingerprint zu geben. Aber das ist Spaß und keine Arbeit. Heute ist es mein Ziel als Chef, gute Arbeitsplätze zu bieten - und das ist eine verdammt große und verdammt schwierige Aufgabe. Mal gelingt sie mir und mal nicht. Mir ist sie aber wichtiger, als viel Geld zu verdienen. Das ist das Ziel der Firma und gleichzeitig mein Lebensarbeitsziel – heute.

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Du sagst heute. War das irgendwann mal anders?

Ja, das war nicht immer so. An meinem 45. Geburtstag hatte ich das Gefühl, mit SABIO alles erreicht zu haben, was ich unbedingt haben wollte. Wir waren 20 Mitarbeiter. Wir hatten in einem Jahr die Deutsche Bank, die Deutsche Post und die Deutsche Bahn akquiriert. Mir war klar, dass wir jetzt “einfach nur noch” wachsen würden. Ich habe mich gefragt, was mich in meinem Leben in Zukunft stolz machen würde. Und mir kamen nur private Dinge in den Sinn: Meine Kinder, mit meiner Frau zusammen zu bleiben. Der Gedanke, dass ich in Zukunft mehr Software verkaufen würde, machte mich nicht stolz, denn ich stehe weder auf Geld, noch auf Ruhm noch auf Macht. Und 15 Jahre nachdem ich aus dem Arbeitsleben ausgeschieden wäre, wäre von dieser Software nichts mehr übrig gewesen. Die wäre schlicht weg und überholt gewesen. Ich kam zu der Erkenntnis, dass die einzige Art, einen Unterschied zu machen, es war, noch während meiner Zeit den Leuten gute Arbeitsplätze und somit schlicht eine gute Zeit zu geben. 50% deiner wachen Lebenszeit verbringst du bei der Arbeit. Da macht es definitiv einen Unterschied, wenn diese Zeit geil ist.  

Und wie bietet man gute Arbeitsplätze?

Ich glaube, es gibt unglaublich viele Arten, gute Arbeitsplätze zu bieten. Dazu kommt, dass jeder Mensch darunter mit Sicherheit etwas komplett anderes versteht. Da muss ich eingestehen, dass ich nicht in der Lage bin, unterschiedliche sehr gute Arbeitsplätze zu bieten. Was ist aber versuche, ist, einen sehr guten Arbeitsplatz zu schaffen. Und der ist so, wie ich und das SABIO-Headteam einen guten Arbeitsplatz empfinden. Allerdings haben wir inzwischen gemerkt, dass auch wir dahingehend sehr unterschiedliche Vorstellungen haben. Wir versuchen zum Beispiel, wenig hierarchisch zu arbeiten. Allerdings ist das noch neu für uns und hat den Nachteil, dass man nur wenig bei anderen abgucken kann, wie die das machen. Und so unternehmen wir viele Versuche und scheitern manchmal auch. Wir schaffen schlicht auch nicht immer einen guten Arbeitsplatz. Das tut mir dann weh und ich ertappe mich beim Nachdenken, es vielleicht doch einfach so zu machen wie alle Anderen. Aber dann denke ich an Menschen, die etwas Neues probieren und den Mut aufbringen, auch zu scheitern - das gehört einfach zum Weg dazu. Also versuchen wir zu lernen und es besser zu machen. Ich weiß: Wir geben das Ziel nicht auf. Und ich erkenne natürlich an, dass es mit Sicherheit auch anderen Unternehmen gelingt, tolle Arbeitsplätze auf ganz andere Weise zu bieten. Möglicherweise auch viel bessere als unsere – je nach Betrachtungsweise. Das freut mich dann ehrlich für alle, die dort arbeiten. Und es spornt mich an, selber besser zu werden.

Lass uns mal konkreter werden: Wie sieht für den ein guter Arbeitsplatz aus?

Der erste Punkt ist Augenhöhe. Es gibt keine Mitarbeiter, sondern nur Kollegen und deshalb gibt es auch kein oben und kein unten. Keiner muss hier was. Das ist zumindest der Versuch, aber das gelingt in der Praxis auch nicht immer. Der zweite Punkt ist Identifikation mit dem, was ich tue. Da sollte irgendwas in mir sein, was ich generell für mich erreichen möchte – zum Beispiel "Ich möchte Menschen motivieren" – und die Arbeit hilft mir dabei. Dann brauche ich drittens eine Umgebung, in der ich mich wohl fühle. Die Räume, die Ausstattung, Arbeitszeiten, die Kollegen: Das alles muss so sein, dass ich sagen kann: "Hier bin ich gerne." Und dann finde ich es wichtig, dass man in der Lage ist, Verantwortung zu übernehmen und sich inhaltlich einbringen zu können.

Das klingt toll. Fast so, wie perfektes Marketinggequatsche.

Ich hatte gerade ein Gespräch mit einem Menschen, der hier potentiell arbeiten wollen würde und die meinte: "Ich glaube nicht, dass das funktioniert." Dieser Glaube oder auch Misstrauen begegnen mir immer wieder. Ich glaube mir das aber. Ich weiß aber auch, dass das ein Weg ist und kein fertiges Extra. Ich habe vor 2,5 Jahren damit angefangen und habe mir da auch erstmal selber misstraut – früher war ich ja auch anders und mit Sicherheit auch ein Extrem-Chef. Ich war da zu Beginn dieses Wandels also selber sehr zaghaft. Mein erster Schritt war es dann, alle scheiß Windows Rechner gegen geile Macs zu tauschen. Ich dachte, das wäre super und alle würden sich freuen, aber so war das nicht. Also war meine erste vermeintlich tolle Handlung schon mal sehr relativ. Ich lese kaum Sachbücher und habe mich im Laufe der Zeit eigentlich nur mit drei Geschäftsführern unterhalten, die in meinen Augen einen geilen Laden führten und habe mir abgeschaut, was die machen. Und irgendwann war es für mich der Schlüssel einzusehen, dass es nicht das große Geld sein muss, was die Veränderung bringt, sondern die Achtsamkeit auf die kleinen Dinge. Das musste ich verdammt hart lernen und tue es auch heute noch.  

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Wie hast du das geschafft?

Früher war der nächste Kunde wichtig. Das nächste Release. Und dann habe ich eben mehr auf den Arbeitsplatz geguckt. Und das waren zum Teil sehr, sehr kleine Dinge. Zum Beispiel steht auf unserem Personalgesprächsbogen nicht mehr “Personalgesprächsbogen”, sondern Gesprächsbogen. Früher stand da Mitarbeiter. Heute steht da “Name des Kollegen”. Früher hieß es Vorgesetzter. Heute heißt es “Gesprächspartner”. Gespräche wurden allgemein immer wichtiger und ich habe mehr und mehr davon geführt. Und so habe ich einfach in kleinen Dingen angefangen und habe die dann aber zugegebenermaßen ziemlich pedantisch durchgesetzt. Nach und nach hat sich so die ganze Kultur gewandelt.

Was ist also in der Zwischenzeit passiert – alles Geld fließt in die geilen Arbeitsplätze und der Chef mutiert zum besten Freund?

Ich glaube, meine Kollegen würden das nicht so sehen, weil ich in Teilen mit Sicherheit immer noch die alten Züge habe. Was sich aber definitiv verändert hat, ist, dass sich hier heute andere Leute bewerben. Alte Kollegen ziehen neue Kollegen hinter sich her. Wir merken seit einem halben Jahr, dass das wirklich anfängt zu funktionieren. Die Menschen, die neu hier herkommen, merken, dass das nicht nur eine Idee ist, sondern ein Gefühl, das man wahrhaftig erleben kann. Letztendlich befinden wir uns wie alle anderen auch im "War for Talents". Es gibt Firmen, die versuchen diesen über besonders viel Geld zu gewinnen. Diese "Talente" will ich hier aber gar nicht. Die, die ich will, interessieren sich eben nicht für das meiste Geld, sondern für etwas anderes. Wenn ich das hier bieten kann und einfach die richtigen Leute in meinem Team habe, dann macht das am Ende auch wieder aus BWL-Perspektive Sinn. Und so lohnt es sich am Ende sogar rein finanziell wieder, in gute Arbeitsplätze zu investieren. Der Unterschied ist nur: Wir machen das nicht, um am Ende damit mehr Geld zu verdienen. Wir machen das aus Überzeugung der Sache wegen. Wie die ökologische Bewegung früher. Da war irgendwann die Überzeugung von einigen da, die Umwelt schützen zu wollen. Später kamen die, die in Windenergie investiert haben und damit dicke Kohle gemacht haben. Die Frage ist immer, warum die Vorreiter – und dazu zähle ich uns – das machen. Und ich habe einfach den festen Glauben, dass ich darauf stolz sein werde.  

Wenn du dann in Rente gehst, um dich um deine Enkelkinder zu kümmern: Was sind die schönsten Worte, die du dir heute zu hören wünschst, wenn deine Kollegen dich verabschieden?

Wir hatten eine geile Zeit mit dir.